FÜR ANDERE DASEIN.

Frau W. wird 1930 in Hamburg in eine ärmere Arbeiterfamilie hinein geboren und wächst in Altona auf. Ihr Vater ist gelernter Kesselschmied bei Bloom & Voss. Mit neun bekommt sie einen Bruder, mit 13 stirbt der Vater im Krieg. Drei Jahre später wird ihr zweier Bruder unehelich geboren. Die Mutter ist eher unselbstständig und so muss Frau W. bei der Versorgung helfen.

Ihr erster Bruder stirbt leider bei einem Arbeitsunfall im Hafen.

Frau W. ist als Kind eher schüchtern. In der Schule hat sie Angst vor Lehrern und dem Rohrstock und findet auch nicht richtig Anschluss zu anderen Kindern.

Ihre Freundin ist Nachbarskind Helga, mit der sie nachmittags viel auf der Straße spielt. Sie erinnert sich an einige vergnügte Dinge wie Tauspringen, Verstecken spielen, Murmeln, Jo-Jo, das Tippel-Tappel Spiel auf dem Kopfsteinpflaster und ihre Porzellankopf-Puppe Ursula.

Da das Haus Ihrer Eltern direkt neben einer Schiffschraubenfabrik liegt, verbringt die Familie während der Kriegsjahre viel Zeit im Bunker. Für Essen muss man sich teilweise schon nachts anstellen, alle leben von der Hand in den Mund und gehen viele Nächte vor Kälte mit dem Mantel ins Bett.

Mit 19 heiratet sie ihren Mann, den sie beim Tanzen in der Eckkneipe „Peters“ kennengelernt hatte. Gemeinsam bekommen Sie 7 Kindern, drei Söhne und vier Töchter. Eine Tochter stirbt leider mit nur 9 Tagen am plötzlichen Kindstod. Ohne Kindergeld und nur mit einem Einkommen, bekommen sie und ihr Mann, der Bauschlosser ist, mit Hilfe ihrer Mutter und den Schwiegereltern alle anderen groß. Und ein paar gemeinsame Urlaube auf’s Land und zum Wandern im Harz sind sogar auch drin.

Weil Frau W. selbst so früh erwachsen werden musste, sollen ihre Kinder Kinder sein und spielen dürfen bis zum Umfallen.

Heute kümmern sich vor allem zwei ihrer eigenen Kinder um sie. Ihr ältester Sohn ist mittlerweile verstorben. Sie hat vier Enkelsöhne.

Gerne erinnert sie sich an ihr Engagement beim VDK, Verband der Kriegshinterbliebenen und –versehrten. Diese ehrenamtliche Arbeit und der Kontakt zu den vielen Menschen lässt sie nicht mehr so schüchtern sein. Und bei vielen unbeschwerten Veranstaltungen und Festen des VDK schwingt sie mit ihrem Mann auch gerne das Tanzbein.